Von Kugeln, Schweinchen und Demokratie

MÜNSTER Ausgelacht haben sie ihn, damals, vor genau 25 Jahren, als
er mit seiner Frau die ersten Kugeln warf. „Boule? Was ist das denn?“,
grinsten die Passanten, die ihnen auf der alten Boccia-Bahn vor den
Umkleiden zusahen, neugierig und mitleidig zugleich. „Die kannten nur
Knickern“, erinnert sich Dr. Dietrich Fehmer (Foto). Er hat ihnen längst
verziehen.


Heute kann er selbst lachen, wenn er an die warmen Sommernachmittage
auf der Sentruper Höhe zurückdenkt. Was die Fehmers dort 1983 als
privates Vergnügen starteten, bringt jetzt rund 500 Münsteraner
regelmäßig auf Trab. Boule, das französische Traditionsspiel, und seine
sportliche Variante Pétanque haben sich etabliert. Es gibt
Boule-Plätze, Boule-Turniere, einen eigenen Boule-Verein. Münster ist
eine Hochburg des Kugelsports, heute, ein Vierteljahrhundert später.

Psychokrimi

boule_24_08_2008Ist das wirklich ein Sport – oder bloß ein gemütlicher Zeitvertreib
für alte Männer? Die Frage drängt sich auf, während die Sonne im
„Boulodrom“ helle Flecken auf den fein geharkten Kies malt. Hier,
abseits von Laufbahnen und Tennisplätzen im Sportpark Sentruper Höhe,
liegt das Mekka für Westfalens Boule-Spieler. Fehmers Antwort kommt
schnell, er hat sie schon oft gegeben. „Boule“, sagt er im Brustton der
Überzeugung, „ist Hochleistungssport.“ Spannend wie ein Schachspiel,
strategisch genauso anspruchsvoll. Ein Psychokrimi unter Bäumen, bei
dem man seinen Gegner genau beobachten und das eigene Gemüt im
Gleichgewicht halten müsse.

Klar, dass man dazu erst „eine gewisse sportliche Reife“ brauche,
erklärt Fehmer, warum die besten Bouler eben doch gestandene Männer
sind. Die Zwanzigjährigen toben sich anderswo aus, im Boulodrom tritt
die reifere Jugend gegeneinander an. Fehmer selbst war knapp über 40,
als er dem Charme der glitzernden Edelstahlkugeln erlag. Die Knochen
kaputt vom Rudern, „aber Boule ging noch“. Heute ist er 66, und Boule
geht immer noch. Nur zum Spaß, versteht sich, zweimal die Woche.

Konzentriert und siegessicher

Rumstehen und quatschen geht aber trotzdem nicht. „Wenn ich ein
Spiel anfange, will ich auch gewinnen“, sagt Dietrich Fehmer. Zuerst
wirft er das „Schweinchen“, die kleine Zielkugel. Wippt in den Knien,
schwenkt den Arm mit der ersten seiner drei Wurfkugeln ein paar Mal hin
und her, die Füße wie festgenagelt auf dem Boden, der Blick fest und
konzentriert. Und wirft, so dass die Kugel möglichst nahe am
Schweinchen landet.

Sekunden später macht es „klack“, laut und metallisch. Friedrich
Niemeyer hat Fehmers Kugel getroffen, jetzt liegt seine näher am
Zielkügelchen. Nach je zwei weiteren Würfen geht es von vorne los, wer
13 Punkte hat, gewinnt. So einfach ist das, und so kompliziert. Jahre
brauche man, um einigermaßen spielen zu können, sagt Niemeyer, während
er sein Sportgerät sauber wischt. Hobby-Bouler treffen die Kugel des
Gegners bei zehn Würfen fünf Mal, die Pétanque-Profis im
Wettkampfbereich liegen bei 1000 Würfen vielleicht fünf Mal daneben.

Das Boulodrom ist eine offene Anlage, trotzdem gehören fast alle,
die hier spielen, zum „Club für Kugelsport“, den Dietrich Fehmer 1986
gründete. „Eine der schönsten Anlagen in NRW“, sagt er stolz und
erzählt, dass selbst die verwöhnten Bouler aus der Partnerstadt Orléans
begeistert waren, als sie 1993 zum Stadtjubiläum anreisten. Die alten
Bäume, die bei den oft stundenlangen Turnieren Schatten spenden, die
Bahnen mit dem groben und dem feineren Splitt, der die Kugeln nicht zu
weit rollen lässt. „Natürlich sind wir gegen die Franzosen
untergegangen“, sagt Fehmer. Gegen Jahrhunderte lange Erfahrung kann
man nicht anboulen.

Der Lappen muss mit

Anfängern rät er zu Edelstahl- oder Bronzekugeln aus dem Fachhandel.
„Kosten um die 100 Euro und halten ewig“, schwärmt Fehmer und holt zum
Beweis seinen eigenen Dreiersatz hervor. Immer noch der erste, 25 Jahre
alt. Handschuhe hält er als Purist für albern, das einzige, was man
noch brauche, sei ein Lappen. Und ein Maßband, aber das nur pro forma.
Denn bei strittigen Punkten könnte man damit zwar messen, wessen Kugel
näher am Ziel liegt. Das, erklärt Fehmer, sei aber verpönt. Lieber
diskutiert man aus, wer den Punkt bekommt. Und wenn es zehn Minuten
dauert. „Boule“, so Fehmer, „ist eben auch das demokratischste Spiel.“

Der erste Kugelsportler der Stadt ist vor Jahren nach St. Mauritz
umgezogen. Kaum war er da, gab es bei der dortigen Eintracht eine
Boule-Abteilung.

(c) Münstersche Zeitung, Jörg Gierse am 24.08.2008

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